CBD in der Tierheilkunde | Teil 1 von 5
CBD fuer Hund und Pferd: Was ist Cannabidiol, wie wirkt es – und was ist in Deutschland erlaubt?
Eine sachliche Einführung in Cannabidiol (CBD): Herkunft, Wirkmechanismus, Abgrenzung zu THC und die aktuelle Rechtslage für Tierhalter in Deutschland.
Kaum ein Wirkstoff hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erhalten wie CBD – und kaum ein Wirkstoff wird gleichzeitig so unterschiedlich beurteilt. Auf der einen Seite: Tierhalter, die berichten, dass CBD ihrem Hund endlich wieder Schlaf, Bewegungsfreiheit oder Ruhe gegeben hat. Auf der anderen Seite: Skepsis, Unsicherheit über die Rechtslage und ein Markt, der von qualitativ sehr unterschiedlichen Produkten durchsetzt ist.
Als Tierheilpraktikerin begegne ich CBD in meiner Praxis regelmäßig – als Anfrage, als Bestandteil bestehender Therapiekonzepte von Tierhaltern, aber auch als Wirkstoff, den ich nach gründlicher Prüfung selbst empfehle. In dieser fünfteiligen Serie möchte ich CBD für Hund und Pferd von Grund auf erklären: Was steckt biochemisch dahinter? Was sagt die Forschung? Was gilt rechtlich? Und wann macht CBD in der naturheilkundlichen Praxis wirklich Sinn?
Dieser erste Teil legt das Fundament: Herkunft und Geschichte von CBD, sein Verhältnis zum Endocannabinoid-System, der Unterschied zu THC – und ein ehrlicher Blick auf die Rechtslage, die für Tierhalter in Deutschland oft verwirrend ist.
Was ist CBD – und woher kommt es?
CBD ist die Abkürzung für Cannabidiol, eine von mehr als 100 sogenannten Phytocannabinoiden, die in der Hanfpflanze (Cannabis sativa L.) vorkommen. Die Bezeichnung "Phytocannabinoide" unterscheidet pflanzliche Cannabinoide von den körpereigenen Endocannabinoiden, die Säugerkörper selbst bilden – ein Unterschied, der für das Verständnis der Wirkweise entscheidend ist.
CBD wurde 1940 erstmals aus der Cannabispflanze isoliert, aber seine genaue Struktur wurde erst 1963 von dem israelischen Chemiker Raphael Mechoulam und seinem Team aufgeklärt. Mechoulam ist auch bekannt als "Vater der Cannabisforschung" – er identifizierte ein Jahr später, 1964, THC als den psychoaktiven Hauptwirkstoff der Cannabispflanze. Damit war die Grundlage gelegt für eines der faszinierendsten Kapitel der modernen Naturstoffforschung.
Ein entscheidender Meilenstein: In den späten 1980er und frühen 1990er Jahren entdeckten Wissenschaftler im menschlichen (und säugetierlichen) Nervensystem spezifische Rezeptoren, an die Cannabinoide andocken können – die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2. Diese Entdeckung zeigte, dass der Säugetierkörper nicht nur über ein eigenes "Cannabinoidsystem" verfügt, sondern dass pflanzliche Cannabinoide wie CBD und THC gezielt mit diesem System interagieren können.
Das Endocannabinoid-System: die biologische Bühne für CBD
Um CBD zu verstehen, muss man das Endocannabinoid-System (ECS) verstehen. Das ECS ist ein weitverzweigtes Regulationsnetzwerk, das in praktisch allen Säugertieren vorkommt – also nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Hund, Katze, Pferd, Maus und fast allen anderen Wirbeltieren. Es besteht aus drei Hauptbestandteilen: den Cannabinoid-Rezeptoren (CB1 und CB2), den Endocannabinoiden (körpereigene Cannabinoide, vor allem Anandamid und 2-AG) und den Enzymen, die diese Endocannabinoide auf- und abbauen.
Das ECS hat eine übergeordnete Regulationsfunktion: Es hält das körperinterne Gleichgewicht (Homöostase) aufrecht. Schmerz, Entzündung, Immunantwort, Stimmung, Schlaf, Appetit, Stressverarbeitung – in all diesen Prozessen spielt das ECS eine wichtige modulierende Rolle. CB1-Rezeptoren sind vor allem im Gehirn und zentralen Nervensystem konzentriert (mit besonders hoher Dichte in Kleinhirn, Hippocampus und Basalganglien) und steuern kognitive Funktionen, Schmerzwahrnehmung und Motorik. CB2-Rezeptoren finden sich überwiegend im Immunsystem und in peripheren Geweben und regulieren Entzündungsreaktionen und Immunantworten.
Das Besondere an Hunden: Sie haben eine außerordentlich hohe Dichte an CB1-Rezeptoren im Kleinhirn – deutlich mehr als Menschen. Das erklärt, warum Hunde auf Cannabinoide generell empfindlicher reagieren als wir – eine wichtige Information bei der Dosierung von CBD-Produkten.
Wie wirkt CBD – und warum ist es nicht dasselbe wie THC?
Die häufigste Frage, die mir Tierhalter stellen: "Ist CBD nicht dasselbe wie Cannabis? Macht das nicht high?" Die Antwort ist ein klares Nein – und das Verständnis des Unterschieds ist grundlegend.
THC (Tetrahydrocannabinol) ist der psychoaktive Wirkstoff der Cannabispflanze. Er bindet direkt und mit hoher Affinität an CB1-Rezeptoren im Gehirn – genau das erzeugt den "Rausch". CBD dagegen hat eine weitaus geringere und mechanistisch andere Wechselwirkung mit den Cannabinoid-Rezeptoren. Es bindet nicht einfach als Agonist an CB1 – stattdessen wirkt es an diesen Rezeptoren eher modulierend, teils sogar als negativer allosterischer Modulator, was bedeutet: es kann die psychoaktiven Effekte von THC abschwächen.
CBD entfaltet seine Wirkungen über ein breites Spektrum von Zielmolekülen:
• TRPV1-Kanalmodulation: CBD aktiviert den sogenannten Vanilloid-Rezeptor TRPV1 (auch bekannt als "Schmerzrezeptor"), was zur Schmerzmodulation und Temperaturregulation beiträgt.
• Serotonin-Rezeptor-Interaktion: CBD bindet an 5-HT1A-Rezeptoren, die an Stimmung, Angst und Stressverarbeitung beteiligt sind – ein Mechanismus, der die anxiolytischen (angstlindernden) Eigenschaften von CBD erklärt.
• FAAH-Hemmung: Wie PEA hemmt CBD das Enzym FAAH, das das Endocannabinoid Anandamid abbaut. Mehr Anandamid im Gewebe bedeutet verlängerter natürlicher Entzündungsschutz und Schmerzmodulation.
• GPR55-Modulation: CBD ist ein Antagonist am GPR55-Rezeptor, einem "orphan receptor", der bei Entzündungsprozessen und Schmerzwahrnehmung eine Rolle spielt.
• Immunmodulation: Über CB2-Rezeptoren und andere Immunzell-Signalwege reduziert CBD die Freisetzung proinflammatorischer Zytokine und wirkt regulierend auf überschießende Immunreaktionen.
Das Ergebnis: CBD ist kein "Cannabis-Rauschstoff", sondern ein pharmakologisch komplexes Molekül mit einem breiten Wirkprofil auf das Nervensystem, das Immunsystem und den Schmerzmechanismus – ohne psychoaktive Wirkung. Es ist genau diese Kombination aus Breite und Verträglichkeit, die CBD in der Naturheilkunde für Tiere so interessant macht.
CBD vs. THC auf einen Blick CBD: nicht psychoaktiv, kein Rausch, breit wirksam auf ECS und andere Rezeptoren, kein Suchtpotenzial. THC: psychoaktiv, direkte CB1-Bindung im Gehirn, bei Tieren (besonders Hunden und Katzen) toxisch bereits in geringen Mengen. Faustregel für Tierhalter: Nur Produkte verwenden, die speziell für Tiere formuliert und garantiert THC-frei oder THC-minimal (<0,2%) sind.
Der Entourage-Effekt: CBD im Verbund
Ein Begriff, der im Zusammenhang mit CBD häufig fällt: der Entourage-Effekt. Er beschreibt die Beobachtung, dass Hanfextrakte, die neben CBD auch weitere Cannabinoide (wie CBG, CBN, CBC), Terpene und Flavonoide enthalten, eine stärkere und ausgeglichenere Wirkung zeigen als isoliertes CBD-Isolat allein.
Die Grundlage dafür ist gut belegt: Verschiedene Hanfinhaltsstoffe wirken synergistisch auf das ECS und andere Rezeptorsysteme. Beta-Myrcen (ein Terpen) verstärkt die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke für Cannabinoide. Limonen und Linalool haben eigenständige anxiolytische und entzündungshemmende Eigenschaften. CBG (Cannabigerol) wirkt hemmend auf Entzündungsmediatoren über eigene Rezeptorwege.
Für die Produktauswahl bedeutet das: Ein Breitspektrum-Extrakt (Broad Spectrum, CBD + weitere Cannabinoide ohne THC) oder ein Vollspektrum-Extrakt (Full Spectrum, mit minimalem THC-Restgehalt unter Grenzwert) ist einem reinen CBD-Isolat in den meisten Anwendungssituationen vorzuziehen – sofern der THC-Gehalt im Produkt zertifiziert kontrolliert ist.
Die Rechtslage in Deutschland: Was darf ich meinem Tier geben?
Die Frage nach der Legalität von CBD-Produkten für Tiere ist eine der häufigsten, die mir in der Praxis begegnet – und sie ist berechtigt, weil die Rechtslage tatsächlich komplex ist. Ich erkläre sie hier so praxisnah wie möglich.
CBD als Reinstoff ist legal
CBD als chemische Substanz steht in Deutschland nicht auf der Liste der Betäubungsmittel und unterliegt nicht dem BtMG. Seit der Cannabis-Legalisierung (Cannabisgesetz, in Kraft seit 1. April 2024) ist die Rechtslage für CBD als Reinstoff weiter gestärkt worden.
Das Novel-Food-Problem für Lebensmittel
CBD-Extrakte, die durch gezielte Extraktion aus der Hanfpflanze gewonnen werden, gelten für den menschlichen Verzehr als "Novel Food" im Sinne der EU-Verordnung 2015/2283. Das bedeutet: Sie benötigen eine Zulassung als neuartiges Lebensmittel, die bisher noch nicht erteilt wurde (Stand 2025). Für den Humanbereich ist der rechtliche Status von CBD als Nahrungsergänzungsmittel daher eingeschränkt – viele Hersteller dürfen ihre Produkte zwar verkaufen, aber nicht mit gesundheitsbezogenen Wirkaussagen bewerben.
CBD für Tiere: Ergänzungsfuttermittel als legaler Weg
Für Tierhalter ist die relevante Kategorie das Ergänzungsfuttermittel. CBD-Produkte, die speziell für Tiere entwickelt und als Ergänzungsfuttermittel deklariert sind, können in Deutschland legal verkauft und verwendet werden – unter der Bedingung, dass der THC-Gehalt unter dem gesetzlichen Grenzwert von 0,2 % liegt und das Produkt aus EU-zertifizierten Nutzhanfsorten gewonnen wird.
Wichtig: CBD-Extrakte, die durch chemische Extraktionsverfahren (z. B. mit Lösungsmitteln) aus der Hanfpflanze isoliert werden, sind als Futtermittel-Zusatzstoffe nicht zugelassen und gelten damit streng genommen als nicht verkehrsfähig. Kaltgepresste Hanföl aus Nutzhanf, die natürliche CBD-Gehalte enthalten (also nicht künstlich angereichert sind), sind hingegen als Ergänzungsfuttermittel verkehrsfähig.
Praktisch bedeutet das: Hochwertige, als Ergänzungsfuttermittel deklarierte CBD-Produkte für Tiere mit transparenten Laboranalysen und nachgewiesenem THC-Gehalt unter 0,2 % sind legal verwendbar. Produkte aus fragwürdigen Extraktionsverfahren ohne klare Deklaration bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, die ich meinen Klienten nicht empfehle.
Checkliste für Tierhalter beim CBD-Kauf:
✓ Als Ergänzungsfuttermittel für Tiere deklariert
✓ THC-Gehalt unter 0,2 % (zertifiziert durch Laboranalyse)
✓ Herkunft aus EU-zertifizierten Nutzhanfsorten
✓ Transparente Inhaltsstoffangaben und COA (Certificate of Analysis)
✓ Kein Einsatz von chemischen Extraktionsmitteln oder klare Angabe zur Extraktionsmethode
CBD für Tiere: Warum tiergerechte Formulierungen wichtig sind
Ein häufiger Fehler: Tierhalter geben ihren Hunden oder Pferden einfach das CBD-Öl, das sie selbst einnehmen. Das birgt mehrere Risiken:
• THC-Gehalt: Produkte für Menschen können niedrige, aber für empfindliche Tiere relevante THC-Restmengen enthalten. Besonders Hunde mit ihrer hohen CB1-Rezeptordichte im Kleinhirn reagieren auf THC stark – Taumeln, Desorientiertheit und Übelkeit sind typische Vergiftungszeichen.
• Trägeröl: Viele Human-CBD-Öle enthalten Mittelkettige Triglyceridfette (MCT-Öl aus Kokosöl), die für Hunde in größeren Mengen problematisch sein können (Durchfall, Pankreasreizung). Spezielle Tierprodukte verwenden verträglichere Trägersubstanzen.
• Konzentration: Human-Produkte sind oft auf menschliche Dosierungsbedürfnisse ausgelegt und können für Tiere über- oder unterdosiert sein. Tierprodukte orientieren sich an körpergewichtsadaptierten Dosierungsleitlinien.
Ich empfehle meinen Klienten grundsätzlich, auf Produkte zurückzugreifen, die speziell für Tiere entwickelt wurden. Zwei Anbieter, die ich in meiner Praxis verwende und deren Qualität ich kenne:
Herosan.eu bietet mit dem TAMACAN CBD ein speziell für Tiere entwickeltes CBD-Produkt an, das transparente Qualitätsangaben macht. Canna-oil.de bietet ebenfalls ein tiergerechtes CBD-Sortiment (canna-oil.de) mit klar deklarierten CBD-Gehalten und Laborzertifikaten.
CBD und PEA: zwei Wirkstoffe, ein System
Wer meine PEA-Serie gelesen hat, fragt sich an dieser Stelle vielleicht: Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen CBD und PEA? Und warum gibt es überhaupt beide?
Die Antwort liegt in der Wirkweise: Beide Substanzen modulieren das Endocannabinoid-System – aber auf verschiedenen Ebenen. PEA ist ein körpereigenes Molekül, das vor allem indirekt auf das ECS wirkt: Es hemmt den Anandamid-Abbau durch FAAH und stabilisiert Mastzellen und Gliazellen. CBD ist ein pflanzliches Phytocannabinoid, das direkt an CB1, CB2 und weitere Rezeptoren andockt – mit einem deutlich breiteren und direkteren Wirkprofil, besonders auf das zentrale Nervensystem.
In meiner Praxis setze ich beide Wirkstoffe ein – und nutze je nach Patientenbild gezielt die Unterschiede: PEA für chronisch-entzündliche Erkrankungen und Mastzellbeteiligung, CBD für Angst, Stress, Schlafprobleme und neuronale Störungsbilder. Die Kombination beider kann synergistisch wirken, was ich in Teil 5 dieser Serie ausführlich beleuchten werde.
Ausblick auf die CBD-Serie
In den nächsten vier Teilen gehe ich schrittweise tiefer:
• Teil 2: CBD beim Hund – Indikationen, Studienlage und was wirklich belegt ist
• Teil 3: CBD beim Pferd – Besonderheiten, Anwendungsfelder und die Dopingfrage
• Teil 4: CBD-Qualität, Dosierung und Produktwahl – wie ich mich im Dschungel orientiere
• Teil 5: CBD in meiner Praxis – Erfahrungen, Fallbeispiele und Kombination mit PEA
Weiterführende Quellen und Literatur
• Mechoulam R, Gaoni Y: A Total Synthesis of dl-Δ1-Tetrahydrocannabinol, the Active Constituent of Hashish. J Am Chem Soc. 1965.
• EFSA: Statement on safety of cannabidiol as a novel food. EFSA Journal. 2022.
• Pertwee RG et al.: International Union of Basic and Clinical Pharmacology – Cannabinoid Receptors and their Ligands: Beyond CB1 and CB2. Pharmacol Rev. 2010.
• Canna-oil.de Tierprodukte (Rabattcode Andrea10 - 10% Rabatt)
Autorenhinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle tierärztliche oder tierheilkundliche Beratung. Als Tierheilpraktikerin (HP Tier) darf ich keine Diagnosen stellen oder Arzneimittel verschreiben. CBD ist als Ergänzungsfuttermittel erhältlich; die Entscheidung über den Einsatz im Einzelfall sollte immer in Abstimmung mit einem qualifizierten Tiergesundheitsexperten erfolgen. Rechtliche Informationen in diesem Artikel entsprechen dem Stand Frühling 2025 und können sich ändern.
Du möchtest dich weiter informieren oder Zusammenhänge besser verstehen?
In meinem Blog findest du weitere Beiträge rund um ganzheitliche Tierheilkunde, Darmgesundheit, Immunsystem und einen bewussten Umgang mit schulmedizinischen Therapien.
👉 Weitere Artikel entdecken zum Thema