PEA in der Tierheilkunde | Teil 3 von 5
PEA beim Pferd: Gelenke, Immunsystem und die Besonderheiten des Gross-Patienten
Wie PEA in der equinen Naturheilkunde eingesetzt wird – von der Arthrose über Hufrehe bis hin zu Atemwegserkrankungen und Sommerallergien.
Das Pferd ist ein faszinierendes Lebewesen – und ein therapeutisch anspruchsvoller Patient. Allein sein Körpergewicht von 400 bis 700 Kilogramm stellt Dosierungsfragen in einem völlig anderen Maßstab. Hinzu kommen spezifische physiologische Eigenschaften, eine besondere Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungsbilder und die Tatsache, dass Pferde im Sport- und Freizeitbereich enormen physischen Belastungen ausgesetzt sind. Kurz: Was für den Hund gilt, gilt für das Pferd nicht automatisch 1:1 – auch wenn die zugrundeliegenden Wirkmechanismen von PEA dieselben sind.
In diesem dritten Teil der PEA-Serie beleuchte ich die spezifischen Einsatzfelder von Palmitoylethanolamid beim Pferd, erkläre die Besonderheiten der equinen Physiologie im Kontext der PEA-Supplementierung und gehe auf die bisher einzige publizierte Studie ein, die PEA gezielt am Pferd untersucht hat.
Das Pferd und sein Endocannabinoid-System
Pferde verfügen wie alle Säugetiere über ein voll funktionsfähiges Endocannabinoid-System (ECS) mit CB1- und CB2-Rezeptoren, FAAH-Enzymen und endogener PEA-Produktion. Der Körper des Pferdes bildet PEA on demand – also als Reaktion auf Gewebeschaden, Entzündungsreize und neuronalen Stress. Diese endogene Schutzreaktion ist die biologische Grundlage für die therapeutische Sinnhaftigkeit einer exogenen PEA-Supplementierung: Sie verstärkt und verlängert, was der Organismus selbst initiiert.
Besonders relevant für das Pferd ist die Rolle von PEA am Gelenkknorpel und in der Gelenkschleimhaut. Equine Gelenkerkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Lahmheit und frühzeitigen Leistungsabfall – und die lokale Entzündungsregulation in synovialen Geweben ist genau jener Bereich, in dem PEA über PPAR-alpha-Aktivierung und Mastzellstabilisierung seine stärkste Wirkung entfaltet.
Die wichtigsten Indikationsfelder beim Pferd
1. Degenerative Gelenkerkrankungen und Lahmheit
Arthrose ist beim Pferd mindestens ebenso verbreitet wie beim Hund – und sie betrifft alle Rassen, von der Dressurdiva bis zum Freizeitpony. Besonders betroffen sind die distalen Gliedmaßen: Hufgelenk, Krongelenk, Fessel- und Karpalgelenk. Sportpferde entwickeln zudem häufig Erkrankungen des Tarsalgelenks (Spat), des Hüftgelenks und der Wirbelsäule.
Der therapeutische Ansatz mit PEA zielt darauf ab, den chronischen Entzündungsprozess im Gelenk zu modellieren: weniger proinflammatorische Zytokine wie TNF-alpha, IL-1beta und Metalloproteasen, weniger Knorpelabbau, bessere Gelenkfunktion. Diese Effekte wurden in Tiermodellen für Arthroseschmerz dokumentiert – in einer kombinierten Formulierung aus PEA und dem natürlichen Antioxidans Quercetin (PEA-Q) zeigten sich Wirkungen, die mit dem NSAID Meloxicam vergleichbar oder stärker ausgeprägt waren, inklusive Knorpelschutz und reduzierter Serumkonzentration von Entzündungsmarkern.
2. Hufrollensyndrom (Podotrochlose)
Das Hufrollensyndrom – eine degenerative Erkrankung der Hufrollenbauteile, bestehend aus Strahlbein, tiefer Beugesehne und dem Lig. impar – ist eine der häufigsten Ursachen chronischer Vorderbeinlahmheit beim Pferd. Die Erkrankung geht mit chronischen Entzündungsprozessen und neuropathischen Schmerzkomponenten einher, die konventionell oft nur unzureichend kontrolliert werden können.
Genau bei dieser Erkrankung liefert die bisher einzige publizierte equine PEA-Studie bemerkenswerte Ergebnisse, auf die ich weiter unten ausführlich eingehe.
3. Hufrehe
Hufrehe ist eine der schmerzhaftesten und gefürchtetsten Erkrankungen beim Pferd. Die systemische Entzündungsreaktion, die zur Hufreheleisole führt, und die resultierende Rotations- oder Absinkung des Hufbeins sind mit extremen Schmerzen verbunden. PEA kann hier auf mehreren Ebenen wirksam sein: als entzündungsmodulierender Wirkstoff, der die Freisetzung proinflammatorischer Mediatoren dämpft, und als analgetisch wirksame Substanz, die die zentrale Schmerzverarbeitung beeinflusst.
In der Hufrehebegleitung setze ich PEA stets als Teil eines umfassenden Konzepts ein – niemals als alleinige Maßnahme. Die Hufrehetherapie erfordert eine ganzheitliche Betrachtung von Fütterung, Hufpflege, Bewegungsmanagement und, in akuten Phasen, tierärztlicher medikamentöser Begleitung. PEA kann in diesem Rahmen die Entzündungslast mindern und zur Schmerzlinderung beitragen, ohne die empfindlichen Organe des rehehranken Pferdes weiter zu belasten.
4. Sommerraude / Insektenstich-Überempfindlichkeit (sweet itch)
Die Sommerraude des Pferdes ist eine allergische Hautreaktion auf den Speichel von Gnitzen (Culicoides-Mücken). Die Erkrankung ist chronisch-rezidivierend, außerordentlich qualvoll für betroffene Tiere und therapeutisch eine echte Herausforderung: Cortison ist kurzfristig wirksam, langfristig aber mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden.
PEA greift in die Pathophysiologie der Sommerraude an einem entscheidenden Punkt ein: Es stabilisiert Mastzellen und hemmt deren Degranulierung, also die Freisetzung von Histamin und anderen Entzündungsmediatoren nach Allergenkontakt. Darüber hinaus wirkt PEA antijuckreiz-modulierend über periphere Nervenfasern. In meiner Praxis begleite ich Sommerraude-Pferde mit PEA als Basismaßnahme, kombiniert mit Phytotherapeutika, Mykotherapie und – wo indiziert – homöopathischer Konstitutionsbehandlung.
5. Atemwegserkrankungen und chronischer Husten
Chronische Atemwegserkrankungen wie das Equine Asthma (ehemals RAO/COPD des Pferdes) sind durch anhaltende Entzündung der Atemwege, Schleimproduktion und Bronchospasmus gekennzeichnet. Die entzündungsmodulierenden Eigenschaften von PEA können auch hier unterstützend wirksam sein – eine interessante Beobachtung, die auch in Erfahrungsberichten von Pferdebesitzern auftaucht: Manche Pferde, die PEA wegen einer anderen Indikation erhalten, zeigen als Nebeneffekt eine Reduktion des Schleimauswurfs und eine bessere Atemfunktion.
Dieser Effekt lässt sich mechanistisch erklären: PEA hemmt die Freisetzung entzündlicher Mediatoren aus Mastzellen und Makrophagen, die auch an der Entzündungsreaktion in den Atemwegen beteiligt sind. Gleichzeitig wirkt PEA regulierend auf immunologische Überreaktionen – ein Aspekt, der für allergisch bedingtes Equines Asthma besonders interessant ist.
6. Muskuläre Verspannungen und Rückenprobleme
Rückenprobleme und muskuläre Verspannungen sind beim Pferd – insbesondere bei Reitpferden – weit verbreitet. Oft liegen ihnen eine Kombination aus biomechanischen Belastungen, subklinischen Gelenkentzündungen und neuraler Sensibilisierung zugrunde. PEA kann in diesem Kontext als muskelentspannend wirkender Entzündungsmodulator eingesetzt werden, der die neuronale Überempfindlichkeit im betroffenen Gewebe reduziert und die Ansprechbarkeit auf manuelle Therapieverfahren wie Osteopathie oder Physiotherapie verbessert.
Die Studie, die alles verändert hat: Vier Springpferde und eine bemerkenswerte Remission
Die veterinärmedizinische Forschungslage zu PEA beim Pferd ist dünn – ehrlich gesagt existiert bisher nur eine einzige publizierte Fallstudie, die PEA gezielt am Pferd untersucht hat. Aber diese Studie hat es in sich.
Im Jahr 2020 wurde eine italienische Fallstudie veröffentlicht, in der vier Springpferde mit therapieresistenter Lahmheit infolge von Hufrollensyndrom und Arthrose untersucht wurden. Alle vier Pferde waren aufgrund ihrer Erkrankungen aus dem Wettkampfsport zurückgezogen worden – konventionelle Therapien hatten keine ausreichende Wirkung erzielt. Die Pferde erhielten täglich 2,5 g ultramikronisiertes PEA, das ihrer normalen Futterration beigemischt wurde. Die Behandlungsdauer betrug vier Monate.
Das Ergebnis war außergewöhnlich: Nach vier Monaten zeigten alle vier Pferde eine vollständige Remission der Lahmheit. Sie konnten sämtlich wieder ins Training und in den Wettkampfsport zurückkehren – ohne Wiederauftreten der Symptome. Eine einzelne Fallstudie mit vier Patienten hat natürlich begrenzte Beweiskraft, und die Autoren weisen ausdrücklich auf die Notwendigkeit größerer, kontrollierter Studien hin. Dennoch ist das Ergebnis bemerkenswert und hat wesentlich zur Aufmerksamkeit für PEA in der Pferdeheilkunde beigetragen.
Praxiserfahrungen verschiedener Therapeuten und Tierhalter deuten darauf hin, dass schwerere Warmblutpferde (ab 500 kg Körpergewicht) auf eine höhere Dosierung von bis zu 5 g pro Tag ansprechen als die in der Studie verwendeten 2,5 g. Diese Beobachtungen sind nicht kontrolliert, spiegeln aber eine klinisch plausible Dosis-Wirkungs-Beziehung wider.
Dosierung beim Pferd: Orientierungsrahmen
Da für das Pferd keine offiziellen pharmakologischen Dosierungsempfehlungen existieren, stütze ich mich auf die verfügbare Studienlage, Praxiserfahrungen und die toxikologische Sicherheitsgrenze von 100 mg PEA pro Kilogramm Körpergewicht und Tag. Daraus ergibt sich folgender Orientierungsrahmen:
• Warmblutpferd (500-600 kg): 2,5 bis 5 g pro Tag, bei chronischen oder therapieresistenten Fällen bis 10 g
• Pony und Kleinpferd (200-350 kg): 1,2 bis 2,5 g pro Tag
• Shetlandpony (bis 150 kg): 0,5 bis 1,0 g pro Tag
PEA-Pulver lässt sich problemlos unter Heucobs, Müslimischungen oder andere Futterkomponenten mischen. Da PEA lipophil ist, verbessert ein kleiner Anteil Fett in der Ration die Resorption. Bei Pferden, die Leinöl oder Kokosöl im Futter erhalten, ist dieser Effekt oft bereits abgedeckt.
Wichtig: Auch beim Pferd ist PEA kein schnell wirkendes Akutmittel. Die Wirkung baut sich graduell auf, in der Regel über mehrere Wochen. Bei chronischen Erkrankungen empfehle ich eine Mindest-Supplementierungsdauer von drei bis vier Monaten, bevor eine Beurteilung der Wirksamkeit vorgenommen wird.
PEA und der Wettkampfsport: Die Dopingfrage
Eine Frage, die in der Pferdepraxis häufig auftaucht: Ist PEA dopingrelevant? Die Antwort ist für die meisten Turnierdisziplinen ermutigend: PEA ist eine körpereigene Substanz, die endogen produziert wird. Sie steht auf keiner der gängigen Positivlisten der FEI (Federation Equestre Internationale) oder des DOSB. Allerdings gilt – wie bei allen Ergänzungsmitteln im Pferdesport – das Prinzip der sorgfältigen Produktauswahl: Verunreinigungen durch andere Substanzen können bei unzureichend kontrollierten Produkten nie ausgeschlossen werden.
Wer sein Pferd im Wettkampfsport einsetzt, sollte auf Produkte mit transparenten Laboranalysen und nachweislicher Reinheit zurückgreifen. Eine Rücksprache mit dem verantwortlichen Turniertierarzt ist in Zweifelsfällen sinnvoll.
Besonderheiten des Pferdes bei der PEA-Anwendung
Das Pferd hat im Vergleich zum Hund einige physiologische Besonderheiten, die bei der PEA-Supplementierung zu bedenken sind:
• Magenphysiologie: Das Pferd ist ein kontinuierlicher Fresser mit einem vergleichsweise kleinen Magen. Eine Aufnahme von PEA im Rahmen der normalen Futterration ist physiologisch ideal und verbessert die Resorption.
• Lebermetabolismus: Pferde haben spezifische Enzymausstattungen, die den Metabolismus verschiedener Substanzen von anderen Tierarten unterscheiden. PEA als körpereigener Stoff ist jedoch bestens in den normalen Fettstoffwechsel integriert und wird problemlos verwertet.
• Körpermaße und Dosierung: Die große Körpermaße bedeutet, dass die Absolutdosen deutlich höher liegen als beim Kleintier. Gleichzeitig ist das Preis-Leistungs-Verhältnis bei guten Pulverprodukten auch für Pferde akzeptabel.
PEA in der ganzheitlichen Pferdebehandlung
In meiner Praxis begegne ich PEA beim Pferd vor allem in drei Szenarien: dem chronisch-lahmen Freizeitpferd, das bereits eine lange Karriere mit konventionellen Schmerzmitteln hinter sich hat und bei dem Magen und Nieren schonendere Alternativen benötigen; dem Sportpferd in der Rekonvaleszenzphase nach Verletzung oder Operation; und dem allergieanfälligen Sommerraude-Pferd, das über den Sommer hinweg kontinuierliche Unterstützung benötigt.
In allen drei Szenarien ist PEA kein Ersatz für eine sorgfältige Ursachenforschung und ein durchdachtes Gesamtkonzept. Beim chronisch lahmen Pferd können Osteopathie, Akupunktur, Phytotherapie mit Teufelskralle oder Weihrauch und eine angepasste Hufpflege den Rahmen bilden, in dem PEA als entzündungsmodulierende Basis wirkt. Beim Sommerraude-Pferd begleite ich PEA gern mit immunmodulierenden Heilpilzen aus der Mykotherapie – Reishi etwa hat in Studien ebenfalls mastzellstabilisierende Eigenschaften gezeigt.
Ein Aspekt, der mir in der Praxis besonders auffällt: Pferde, die PEA erhalten, wirken häufig ruhiger und ausgeglichener im Umgang – ein Effekt, den ich auf die stressregulierende Wirkung von PEA über das Endocannabinoid-System zurückführe. Chronischer Schmerz ist auch beim Pferd ein massiver Stressfaktor, der sich auf Verhalten, Rittigkeit und Kooperation auswirkt. Weniger Schmerz bedeutet oft auch ein entspannteres Pferd – ein Effekt, den Reiter und Betreuer beobachten und schätzen.
Ausblick
Im nächsten Teil dieser Serie verlasse ich die tierartspezifische Perspektive und widme mich einer Frage, die mir in der Praxis immer wieder begegnet: Welche PEA-Form ist eigentlich die richtige? Standard-PEA, ultramikronisiertes PEA, liposomales PEA – was steckt hinter diesen Bezeichnungen, welche Unterschiede machen sie in der Praxis und wann ist welche Form die sinnvollste Wahl?
Teile dieser Serie
In dieser Serie gehe ich gezielt auf die Anwendung bei Hund und Pferd ein, erläutere die Unterschiede zwischen den verschiedenen PEA-Formen (normales Pulver, mikronisiert, ultramikronisiert, liposomal) und teile meine Erfahrungen aus konkreten Patientenfällen.
- Teil 1: Was ist PEA? Wirkung, Mechanismus und Unterschied zu CBD
- Teil 2: PEA beim Hund – Indikationen, Dosierung und Studienlage
- Teil 3: PEA beim Pferd – Gelenke, Immunsystem und mehr
- Teil 4: Welche PEA-Form für welches Tier? Normal, ultramikronisiert und liposomal im Vergleich
- Teil 5: PEA in meiner Praxis – Erfahrungen, Kombinationstherapien und Patientenbeispiele
Weiterführende Quellen und Literatur
• Gupta RC et al.: Palmitoylethanolamide and its analogues in neuroprotection: overview and potential therapeutic applications. In: Neuropathology of Drug Addictions and Substance Misuse. 2016.
• Britti D et al.: A novel composite formulation of palmitoylethanolamide and quercetin decreases inflammation and relieves pain in inflammatory and osteoarthritic pain models. J Vet Pharmacol Ther. 2017.
• Masterhorse Blog: PEA fuer Pferde – Fallstudie und Dosierung
• Vetline: Im Test: neue analgetische und antiphlogistische Wirkstoffzubereitung (PEA-Q)
Autorenhinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle tierärztliche oder tierheilkundliche Beratung. Als Tierheilpraktikerin (HP Tier) darf ich keine Diagnosen stellen oder Arzneimittel verschreiben. PEA ist als Ergänzungsfuttermittel erhältlich; die Entscheidung über den Einsatz im Einzelfall sollte immer in Abstimmung mit einem qualifizierten Tiergesundheitsexperten erfolgen.
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