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Teil 1: Kohlenhydrate für Hunde: Braucht dein Hund Nudeln, Reis & Kartoffeln?

Der Kohlenhydrat-Mythos: Warum dein Hund keine Nudeln? Der Wolf auch keine Beeren!

"Hunde brauchen keine Kohlenhydrate! Der Wolf frisst schließlich auch keine Nudeln!"

Diesen Satz hast du garantiert schon gehört. Wahrscheinlich sogar mehrfach. In Facebook-Gruppen, von selbsternannten Experten im Hundepark oder in irgendwelchen Blog-Artikeln, die den Wolf als Maßstab für alles nehmen.

 

Und weißt du was? Der Satz ist nicht komplett falsch. Aber er ist so unvollständig, dass er gefährlich werden kann.

 

 

Denn während wir uns darüber streiten, ob Waldi Nudeln bekommen darf, übersehen wir das Wesentliche: Nicht jeder Hund ist gleich. Nicht jede Situation ist gleich. Und nicht jede Fütterung kommt ohne Kohlenhydrate aus.


Der Wolf-Vergleich: Warum er hinkt (und trotzdem überall auftaucht)

Fangen wir mit dem Elefanten im Raum an: dem Wolf.

 

Argument der Kohlenhydrat-Gegner:

 

"Der Wolf ist der Vorfahre unserer Hunde. Wölfe fressen Beutetiere – also Fleisch, Innereien, Knochen. Keine Nudeln, keinen Reis, keine Kartoffeln. Ergo: Hunde brauchen das auch nicht."

Klingt logisch, oder? 

 

Ist es aber nicht. Aus mehreren Gründen.


Was Wölfe WIRKLICH fressen (Spoiler: Nicht nur Fleisch)

Wölfe sind Karnivoren, ja. Aber sie sind keine reinen Fleischfresser. Sie sind opportunistische Jäger und Allesfresser. Ihre Nahrung umfasst:

 

·         Beutetiere (Fleisch, Innereien, Knochen)

·         Mageninhalt der Beutetiere (vorverdautes Pflanzenmaterial)

·         Beeren, Gräser, Kräuter – je nach Saison

·         Wurzeln, Früchte, Nüsse

·         Aas, Insekten, sogar Fisch 

 

Und jetzt kommt der Clou: All diese pflanzlichen Bestandteile enthalten Kohlenhydrate.


💡 Wusstest du?

 

Beeren enthalten Kohlenhydrate in Form von Fruktose. Gräser und Wurzeln enthalten Stärke. Selbst der Mageninhalt eines Beutetiers – vorverdaute Pflanzen – liefert Kohlenhydrate.

 

Also: Wenn dir jemand sagt "Der Wolf frisst keine Kohlenhydrate", antworte einfach:

 

"Stimmt. Aber er frisst Beeren, Gräser und Wurzeln. Und da sind auch Kohlenhydrate drin."


Dein Hund ist kein Wolf. Punkt.

Aber selbst wenn der Wolf wirklich keine Kohlenhydrate fressen würde – was kümmert uns das?

 

Dein Hund ist kein Wolf.

 

Er wurde über Jahrtausende domestiziert. Er lebt in deinem Wohnzimmer. Er geht nicht jagen. Er hat Zugang zu tierärztlicher Versorgung. Und – ganz wichtig – sein Stoffwechsel hat sich angepasst.

 

Studien zeigen: Hunde haben im Vergleich zu Wölfen mehr Kopien des AMY2B-Gens. Dieses Gen ist verantwortlich für die Produktion von Amylase – einem Enzym, das Stärke verdaut.

 

Übersetzt: Dein Hund kann Kohlenhydrate besser verdauen als ein Wolf. 

 

Das bedeutet nicht, dass er Kohlenhydrate BRAUCHT. Aber es bedeutet, dass sein Körper darauf vorbereitet ist.


Wann sind Kohlenhydrate in der Hundeernährung sinnvoll?

Jetzt wird's praktisch. Denn die Frage ist nicht "Wolf oder nicht Wolf", sondern: Was braucht DEIN Hund?

Szenario 1: Sehr hoher Energiebedarf

Dein Hund ist ein Hochleistungssportler: Agility, Mantrailing, Schlittenhund, Jagdhund im Einsatz.

 

Problem: Energie nur aus Fett und Protein zu decken, bedeutet enorme Mengen. Das belastet den Magen-Darm-Trakt.

 

Lösung: Kohlenhydrate als zusätzliche Energiequelle. Nudeln, Reis, Kartoffeln liefern schnell verfügbare Energie ohne den Organismus zu überlasten.

 

Beispiel: Ein 25 kg schwerer Schlittenhund im Training kann einen Energiebedarf von über 3.000 kcal/Tag haben. Das nur mit Fleisch zu decken? Unrealistisch

Szenario 2: Fettarme Fütterung nötig (Pankreatitis, Bauchspeicheldrüse)

Dein Hund hat eine Erkrankung der Bauchspeicheldrüse oder verträgt Fett einfach nicht gut.

 

Problem: Fett ist die energiedichteste Nährstoffquelle. Wenn du Fett reduzieren musst, fehlt Energie.

 

Lösung: Kohlenhydrate als Ersatz-Energielieferant. Mageres Fleisch + Kartoffeln/Reis = fettarm, aber energiereich. 

 

Wichtig: Ohne Kohlenhydrate würde dein Hund Protein als Energiequelle nutzen müssen – das belastet Leber und Nieren.

Szenario 3: Nierenschonende Fütterung

Dein Hund hat eine Niereninsuffizienz. Der Tierarzt empfiehlt, Phosphor zu reduzieren.

 

Problem: Fleisch enthält viel Phosphor. Wenn du Fleisch reduzierst, fehlt Energie.

 

Lösung: Kohlenhydrate als phosphorarme Energiequelle. Kartoffeln, Reis, Nudeln enthalten kaum Phosphor.

 

Achtung: Protein darf nicht zu stark reduziert werden – sonst baut dein Hund Muskelmasse ab. Die richtige Balance ist entscheidend

Szenario 4: Dein Hund wird von Kohlenhydraten einfach "satter"

Manche Hunde sind gefräßig. Sie fressen, fressen, fressen – und sind nie zufrieden.

 

Beobachtung: Mit Kohlenhydraten im Napf scheinen sie zufriedener, länger satt.

 

Warum? Kohlenhydrate – besonders in Form von matschig gekochtem Reis oder Kartoffeln – haben Volumen. Sie füllen den Magen, ohne massiv Kalorien zu liefern. 

 

Praxis-Tipp: Bei Diäten oder gefräßigen Hunden: Kartoffeln sind dein Freund. 460 g Kartoffeln haben die gleichen Kalorien wie 100 g Nudeln – aber deutlich mehr Volumen.


Die goldene Regel: Kohlenhydrate müssen MATSCHIG gekocht werden

Hier passiert der häufigste Fehler.

 

Du kochst Nudeln für dich: 8 Minuten, al dente, perfekt.

 

Und gibst sie deinem Hund.

 

Problem: Dein Hund kann sie nicht richtig verdauen.

 

Warum? Stärke muss aufgeschlossen werden

Kohlenhydrate wie Nudeln, Reis, Hirse, Kartoffeln enthalten Stärke. Stärke ist in rohem oder nur leicht gekochtem Zustand schwer verdaulich.

 

Erst durch langes Kochen wird die Stärke aufgeschlossen. Das bedeutet: Die Stärkemoleküle quellen auf, werden weich, und können vom Hund enzymatisch gespalten werden.

 

Faustregel: Koche Kohlenhydrate doppelt so lange wie für dich


Praxis-Beispiele: So kochst du richtig

 

Nudeln:

·         Für dich: 8–10 Minuten

·         Für deinen Hund: 20–25 Minuten (sehr weich, fast matschig)

 

Reis:

·         Für dich: 15 Minuten

·         Für deinen Hund: 30–40 Minuten (regelrecht zerfallen)

 

Hirse/Buchweizen:

·         Für dich: 15–20 Minuten

·         Für deinen Hund: 30–40 Minuten (matschig)

 

Kartoffeln:

·         Für dich: 20 Minuten

·         Für deinen Hund: 25–30 Minuten (zerfallen beim Anstechen)

 

⚠️ Was passiert, wenn du zu kurz kochst?

 

Dein Hund kann die Energie nicht ausreichend nutzen. Hirse oder Buchweizen kommen unverdaut wieder raus. Hinten, versteht sich.


Das Umrechnungs-Dilemma: Wie viel rohe Nudeln sind 100 g gekocht?

Kennst du das? In deinem Futterplan steht: "100 g gekochte Nudeln".

 

Du stehst vor deiner Waage. Fragst dich: Wie viel wiege ich ROH ab?

 

Hier kommt die Lösung.

 

Warum Kohlenhydrate beim Kochen schwerer werden

 

Trockene Kohlenhydrate wie Nudeln, Reis, Hirse saugen Wasser auf.

 

Beispiel Nudeln:

·         50 g rohe Nudeln

·         Gekocht 20 Minuten

·         Ergebnis: 186,5 g gekochte Nudeln

 

Das Gewicht hat sich fast vervierfacht! 

 

Aber: Das zusätzliche Gewicht ist nur Wasser. Wasser hat keine Kalorien.


Umrechnungstabelle: Roh vs. Gekocht

Diese Tabelle zeigt dir, wie viel du ROH abwiegen musst, um 100 g GEKOCHTES Gewicht zu erreichen:

 

Kohlenhydrat

Rohgewicht für ~100g gekocht

Kochzeit (ca.)

Nudeln

27–30 g

20–25 Min

Reis

25–30 g

30–40 Min

Hirse

25–30 g

30–40 Min

Kartoffeln

100 g (kaum Veränderung)

25–30 Min

Süßkartoffeln

100 g (kaum Veränderung)

25–30 Min

Couscous

30–35 g

15–20 Min

 

 

💡 Tipp: In der Nährwertberechnung arbeitet man immer mit der Trockensubstanz – also dem Rohgewicht. Das verhindert Verwirrung.


Die häufigsten Kohlenhydrat-Mythen (und warum sie Quatsch sind)

Mythos 1: "Kohlenhydrate machen Hunde dick"

Fakt: Nicht Kohlenhydrate machen dick, sondern zu viele Kalorien.

 

100 g Kartoffeln haben etwa 70 kcal. 100 g Rinderhackfleisch (20% Fett) haben etwa 250 kcal. 

 

Wenn dein Hund zunimmt, liegt es am Gesamtkalorienbedarf – nicht an den Kohlenhydraten.

Mythos 2: "Kohlenhydrate verursachen Krebs"

Fakt: Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Kohlenhydrate in der Hundeernährung Krebs verursachen.

 

Dieser Mythos basiert auf der Theorie, dass Krebszellen Zucker "fressen". Das ist eine grobe Vereinfachung und für Hunde nicht belegt

Mythos 3: "Hunde können keine Kohlenhydrate verdauen"

Fakt: Hunde können Kohlenhydrate sehr wohl verdauen – vorausgesetzt, sie sind richtig zubereitet (matschig gekocht). 

 

Studien zeigen: Hunde haben durch Domestikation mehr Amylase-Gene entwickelt – sie sind genetisch besser an Stärke angepasst als Wölfe.

Mythos 4: "Getreidefreies Futter ist gesünder"

Fakt: "Getreidefrei" ist ein Marketingbegriff, kein Qualitätsmerkmal. 

 

Wenn dein Hund keine Getreide-Allergie hat, ist Getreide nicht schlechter als Kartoffeln oder Süßkartoffeln. Es kommt auf die Gesamtration an.


Fazit: Kohlenhydrate – Ja oder Nein?

Die Antwort ist: Es kommt darauf an.

 

Kohlenhydrate sind kein MUSS. Aber sie sind ein KANN – und in vielen Fällen sogar ein SOLLTE.

 

Wann sind Kohlenhydrate sinnvoll?

·         Bei sehr hohem Energiebedarf (Leistungshunde)

·         Bei fettarmer Fütterung (Pankreatitis, Bauchspeicheldrüse)

·         Bei nierenschonender Fütterung (Niereninsuffizienz)

·         Bei gefräßigen Hunden (Sättigung durch Volumen)

·         Wenn dein Hund Fett nicht gut verträgt

 

Wann kannst du auf Kohlenhydrate verzichten?

·         Bei gesunden, normal aktiven Hunden ohne besondere Bedürfnisse

·         Wenn dein Hund eine Getreide-/Stärke-Allergie hat

·         Wenn du eine reine Fleisch-Gemüse-Fütterung bevorzugst (und Energie aus Fett deckst)

 

Die wichtigste Regel: 

 

Wenn du Kohlenhydrate fütterst: Koche sie matschig. Sonst kommen sie hinten wieder raus.


Was kommt als Nächstes?

In der nächsten Episode unserer Serie "Hundeernährung – Fakten statt Mythen" schauen wir uns das Thema Schweinefleisch an.

 

"Schweinefleisch ist giftig für Hunde!" – Stimmt das? Oder ist gekochtes Schweinefleisch vielleicht sogar ein Geheimtipp? 

 

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Quellen & weiterführende Literatur

Axelsson, E., et al. (2013). The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet. Nature, 495(7441), 360-364. 

National Research Council (NRC) (2006). Nutrient Requirements of Dogs and Cats. Washington, DC: The National Academies Press. 

Meyer, H., & Zentek, J. (2013). Ernährung des Hundes: Grundlagen – Fütterung – Diätetik. Stuttgart: Enke Verlag. 

Fritz, J. (2020). Hunde barfen – Alles über Rohfütterung. Stuttgart: Ulmer Verlag.  

Bundeslebensmittelschlüssel (BLS) – Nährwertdatenbank